Ich suche keine Lösungen – wie unternehmerisches Verstehen wirklich entsteht.

Echte Erkenntnis entsteht nicht durch Ratschläge von außen. Sie entsteht, wenn ein Unternehmer sich selbst und sein Unternehmen neu versteht – von innen heraus.

Immer wieder werde ich gefragt, wie ich eigentlich arbeite. Ehrlich gesagt fällt mir die Antwort darauf gar nicht so leicht. Ich könnte erzählen, dass ich Unternehmer besuche, Gespräche führe, Fragen stelle, ein Systembrett aufbaue oder am Flipchart stehe und skizziere. Alles das gehört dazu. Und doch erreicht es das Eigentliche kaum. Denn das Entscheidende geschieht an einer Stelle, die niemand sehen kann. Sie liegt in mir.

Zuhören als innerer Prozess – Mentoring beginnt im Unsichtbaren

Ein Unternehmer beginnt zu erzählen. Er schildert ein Problem, eine Situation, einen Konflikt oder eine Sorge. Ich höre zu. Ich sehe zu. Und während ich ihm folge, beginnt sich in mir seine Geschichte langsam weiterzuerzählen. Ich prüfe sie innerlich. Ich frage mich, was sie bedeuten würde, wenn es meine Geschichte wäre. Was würde ich empfinden? Was wäre das, was ich übersehen hätte? Worauf würde ich achten? Welche Fragen würden sich mir stellen?

Während ich ihm weiter zuhöre, beginnt mein eigenes Verstehen zu arbeiten. Es tauchen Bilder auf, Erinnerungen an andere Unternehmer, andere Projekte, andere Themen. Dazu gesellen sich „irgendwie passende“ Bilder und Fragmente aus Märchen, Mythen, aus Literatur, Kunst oder Musik. Nichts davon suche ich bewusst. Sie fallen mir ein und verbinden sich mit dem Thema. Es beginnt Sinn zu ergeben. Zunächst nur für mich.

Kleine Ballons statt großer Antworten

Davon erzähle ich dem Unternehmer erst einmal kaum etwas. Ich lasse lediglich ein paar kleine Ballons steigen. Eine Frage. Ein Gedanke. Ein Bild. Eine vorsichtige Deutung. Immer mit dem Wissen, dass es nur mein Verstehen ist und niemals ein Wissen oder gar eine Wahrheit über den anderen. Dabei beobachte ich aufmerksam, was geschieht. Greift er den Gedanken auf? Lässt ihn etwas aufhorchen? Entsteht Neugier? Oder geht der Ballon lautlos wieder zu Boden?

„Ratschläge sind Schläge. Lösungen, die aus fremdem Denken kommen, tragen keine eigene Überzeugung in sich.“

Der Augenblick, in dem sich etwas verändert

Dann verändert sich zumeist etwas ganz Unscheinbares. Der Unternehmer erzählt dieselbe Geschichte plötzlich anders. Er bleibt an einer Formulierung hängen. Er beginnt zu staunen. Er entdeckt eine Verbindung, die ihm vorher verborgen geblieben war. Genau diese Augenblicke interessieren mich. Denn jetzt beginnt er, sich selbst in seiner Geschichte zu erkennen. Sein Problem bleibt zunächst dasselbe. Doch seine Sicht scheint eine andere geworden zu sein. Ich erkenne es in seinen Worten – und an ihm selbst.

PRINZIP

Mein Verstehen löst etwas in Dir.
Dein Verstehen erweitert etwas in mir.

Warum Lösungen dem Unternehmer gehören – und nicht dem Mentor

Das ist der entscheidende Punkt. Ich suche keine Lösungen. Lösungen gehören dem Unternehmer. Ich suche den Unternehmer, der sich selbst und sein Unternehmen tiefer versteht. Aus diesem neuen Verstehen entstehen fast immer neue Möglichkeiten. Sie fühlen sich für ihn richtig an, weil sie ihm aus seinem eigenen Erkennen „einfallen“. Das hat eine vollkommen andere Qualität als alle „Ratschläge“ – die ja Schläge sind.

WIE EINE BEGEGNUNG VERLÄUFT

01 Der Unternehmer erzählt

Themen, Situationen, Konflikte, Sorgen – aus seiner Perspektive, in seiner Sprache.

02 Erstes inneres Verstehen

Bilder, Erinnerungen und Impulse aus Mythen, Literatur, Kunst entstehen – ungesucht.

03 Kleine Ballons steigen lassen

Eine Frage, ein Gedanke, ein Bild – vorsichtig, nie als Wahrheit, immer beobachtend.

04 Der Unternehmer beginnt zu staunen

Er entdeckt Verbindungen, verändert seine Erzählung, sieht sich selbst in seiner Geschichte.

05 Neues Verstehen auf beiden Seiten

Der Unternehmer gewinnt Selbsterkenntnis. Der Mentor erweitert sein eigenes Bild.

Erfahrungsgewinn auf beiden Seiten – was Mentoring von Beratung unterscheidet

Wenn ein Gespräch auf diese Weise endet, bleibt der Erfahrungsgewinn nicht allein beim Unternehmer. Auch ich gehe verändert nach Hause. Jede Begegnung erweitert mein eigenes Verstehen. Jeder Unternehmer und die Arbeit mit ihm hinterlässt Spuren in mir. Deshalb beginnt jedes nächste Gespräch reicher, weiter und mit neuer Aufmerksamkeit.

Das lässt vielleicht auch verständlich werden, warum sich „mein Mitgehen im Begleiten“ nur so schwer beschreiben lässt. Mein Verstehen löst etwas im Unternehmer. Sein Verstehen erweitert etwas in mir. So entsteht für Momente etwas Gemeinsames, aus dem wir beide lernen, wir beide neu wissen. Jeder für sich. Jeder auf seine Weise.